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Plötzlich

Ich treibe die Wolken mit den Füßen vor mir her. Die flauschige da links, die sieht aus wie ein Fuchs. Und die da wie ein Schiff, ein Dampfer. Die Frühlingssonne schiebt sich dazwischen, lockt mich hoch hinaus. Ich will noch bleiben.

Fast spuckt mich der Ruck aus. Die Ketten pressen sich in meine Hände. Ich halte gegen die Schwerkraft – doch falle rückwärts. Es kribbelt in meinem Magen wie tausend Tüten Brausepulver auf der Zunge. Die Häuser von Pripyat fliegen vorbei. Am Horizont erst Blau, dann Grün. So muss sich Vlady auf der Achterbahn auf dem Rummelplatz gefühlt haben.

Der Rasen rast mir entgegen. Ich schätze Millionen einzelne Halme. Eine Ameise, die sich emsig einen Weg durch einen Urwald bahnt.

Ich schließe die Augen. Die Beine ganz fest an das Brett gepresst, so wie es mir Opa beigebracht hat. Meine Zöpfe schlagen mir ins Gesicht, kitzeln dort wie Spinnentierchen. Schon geht es wieder zurück.

Ich bin mutig! Öffne die Augen. Hah! Die Glatze von Onkel Jaroslav sieht genau wie die ausgetretene Stelle am Erdboden aus. Ganz glatt und hautbraun. Ein paar platte Grasbüschel, die letzten müden Haare. Jetzt die Beine strecken. Ich hänge mich voll in die Ketten. Die Häuser, die Fabrik, die Baumwipfel. Da! Endlich! Der Himmel. Geht es nicht noch höher?

Ich atme die Kindheit. Sie riecht nach Mädesüß, Mandeln und Honig.

Plötzlich – ein Knall. Als hätte Gott mit einer riesigen Kanone geschossen. Ich reiße die Hände an die Ohren, verliere das Gleichgewicht, stürze im Aufschwung. Noch ein Wumms. Noch lauter. Donner ohne Blitz.

Am Boden liegend rolle ich mich zusammen. Verberge den Kopf unter den Armen.

Ich atme Staub und Grashalme. Und Angst. Sie riecht nach Opas Brennofen. Sie knistert, knackt und knallt.

Ich bin mutig! Hebe den Kopf. Am Horizont erst Orangerot, dann Schwarz. Ein Meer aus Feuer. Ein ellenlanger Fackelzug.

Die Wolken über mir drängen zu Boden, beherrschen den Himmel. Ihr düsteres Heer hat die Frühlingssonne verschluckt und den Winter gerufen. Sie spucken auf mich. Sie streuen Asche die meine Haut verbrennt. Ich schreie, aber der beißende Qualm raubt mir die Stimme.

Wenn du mich suchst, ich bin auf dem Spielplatz. Hinter dem Wald, beim Riesenrad auf dem Rummel, neben dem Reaktor. Über mir schwingt die Schaukel aus.

Sandra Röttges-Paslack (2023)
www.verwortlicht.de

Published inAllgemeinBelletristikKurzgeschichte

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